Bildungskritiker Andreas Salcher: „Ein System für alle funktioniert nicht“

Die Top-Ressource unserer Gesellschaft ist ihr Know-how. Umso mehr braucht unser Bildungssystem neue Wege anstelle von Reparaturen. Über Talente, Frühförderung und die Rolle der Lehrer referierte Andreas Salcher bei der Eröffnung der Bundestagung der Jungen Industrie in Salzburg.

Dr. Andreas Salcher sprach in seiner Keynote über Talente und Voraussetzungen für die beste Bildung

Herr Salcher, in Ihrer Keynote sprachen Sie über das Missverhältnis zwischen hohen Bildungsausgaben in Österreich und mangelndem Output. Woran liegt das?
Wir haben eines der teuersten Bildungssysteme, bewegen uns aber bestenfalls im Mittelfeld. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass wir mit Strukturreformen nicht weitergekommen sind, deshalb müssen wir es künftig anders machen: indem wir im System früh ansetzen und Neues aufbauen, anstatt zu reparieren. Wir müssen uns in Richtung Spitze entwickeln. Das ist unsere Chance.

Sie haben die Klassengrößen angesprochen: diese hätten nicht unmittelbar mit der Qualität des Unterrichts zu tun...
Ob in einer Schulklasse 25 oder 30 Schüler sitzen, ist pädagogisch irrelevant. Bayern liefert das beste Beispiel: dort sind deutlich mehr Schüler in einer Klasse, bei Pisa schneiden sie trotzdem besser ab. Viel entscheidender ist die Gruppengröße im Kindergarten. Da brauchen wir eine radikale Verkleinerung der Gruppen und eine maximale Qualifizierung der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen. Außerdem brauchen wir verpflichtende Standards. Wir geben zu wenig Geld für die Kleinkindbetreuung aus und zu viel für die direkte Familienförderung. Dasselbe gilt für den Mittel- und Oberstufenbereich: Wir investieren dort, wo es zu spät ist.

Die Industriellenvereinigung verfolgt den Ansatz der frühen individuellen Förderung. Wie stehen Sie zum Engagement der IV?
Ich sehe die Industriellenvereinigung als sehr positive Kraft in der Bildungsdebatte. Die Grundidee der IV finde ich richtig: nämlich zu sagen, dass wir anstatt einer Systemreparatur eine Neuausrichtung brauchen, bei der die Talente der Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen. Als kleines Land müssen wir endlich erkennen, dass in einer hohen Bildungsqualität unsere Chance liegt. Nämlich die Chance, wirklich an die Spitze zu kommen. Das schafft auch ein System, das weniger Geld ausgibt: die Skandinavier, auch die Kanadier machen es vor. Die IV betrachte ich als einen Reformtreiber, wenn sie sagt: wir brauchen eine bessere Lehrerausbildung, auch im Hinblick auf die Digitalisierung. Wir haben in Österreich wenige Leuchtturmschulen, bei 6.000 Schulen sind ein paar Vorreiter zu wenig. Die meisten Schulen haben nicht mal ein funktionierendes WLAN.

Was braucht unsere Bildungsinfrastruktur mittel- und langfristig?
Wir müssen uns heute überlegen, welches Bildungssystem uns auch in 10-15 Jahren gesellschaftlich weiterbringt. Der entscheidende Ansatz ist, dass wir unser Schulsystem ausschließlich an den Interessen der Schüler und der Förderung ihrer individuellen Talente ausrichten. Außerdem müssen die Lehrer endlich für die Heterogenität der Schüler in einer Klasse gerüstet werden: die Herkunft, die Kultur und der soziale Background der Schüler haben sich gravierend verändert. Die Lehrerausbildung ist da nicht mitgezogen. Jedes Kind braucht einen Coach, dafür muss die Rolle des Lehrers neu definiert werden. Ein System für alle, das funktioniert nicht.

Wie kann individuelle Förderung mit beschränkten Ressourcen gelingen?
Sinn macht ein Lern- und Entwicklungsplan für jedes einzelne Kind, dafür braucht es nicht per se mehr finanzielle Mittel, sondern ein anderes Verständnis der Lehrerrolle. Schüler sollen auf ihrem Bildungsweg individuell begleitet werden – mit Coaching und der Förderung des Selbstwertgefühls und der emotionalen Kompetenzen. Der Weg eines jeden Schülers bedarf einer Diskussion, nicht nur die Laufbahn der Problemschüler.

Viele Schüler haben Angst: Angst vor schlechten Noten, vor Lehrern. Eine systembedingte Angst?
Die zwei großen Feinde des Lernens sind die Angst und die Langeweile. Angst kommt durch subjektive Überforderung. Auch gute Schüler können Angst haben, durch Druck etwa. Die Langeweile wiederum kommt aus der Unterforderung. Wenn ich keine Leistungsdifferenzierung habe, dann ist ein Drittel der Schüler überfordert, ein Drittel unterfordert, und der Lehrer richtet seinen Unterricht am Mittelmaß aus. Die Lösung ist – und das haben Maria Montessori und andere Reformpädagogen schon früh festgestellt – die individuelle Förderung und nicht das Darüberstülpen eines fixen Lehrplans. Außerdem sind Lehrer gefordert, den Kindern beizubringen, wie sie mit der Unmenge an Wissen umgehen, wie sie das Wissen einordnen und nützen.

Der Industriellenvereinigung ist die frühe Förderung im MINT-Bereich ein Anliegen. Wie fit sind wir in Österreich in diesem Feld?
Ich weiß, dass der IV die Naturwissenschaften wichtig sind, aber auch dort ist es viel zu spät, bei den Maturanten oder im Mittelstufenbereich anzusetzen. Deshalb begrüße ich den Ansatz der IV, bereits in der Elementarpädagogik Meilensteine zu setzen: durch die Förderung des natürlichen Interesses der Kinder an den Naturwissenschaften und an technischen Fragestellungen. Auch der Fokus, mehr Mädchen für technische Bereiche zu begeistern, ist gewinnbringend. Wurde das Grundinteresse an Naturwissenschaften einmal ausgetrieben, ist es schwer, es später wieder zu wecken. Man baut ein Haus von unten, so ist es auch mit der technischen Kompetenz. Ich gehöre übrigens nicht zu denen, die sagen: Kinder sollen Codieren lernen. Das ist nicht das Entscheidende. Kinder müssen bestimmte Kulturtechniken beherrschen und mit komplexen Problemstellungen umgehen.

Dr. Andreas Salcher ist Unternehmensberater, Bestsellerautor und ein kritischer Vordenker in Bildungsthemen. Er begann seine Karriere 1987 in der Politik als damals jüngstes Mitglied des Wiener Landtags, dem er insgesamt 12 Jahre angehörte. Andreas Salcher ist Mitbegründer der Sir Karl Popper Schule für besonders begabte Kinder. 2004 initiierte er die Waldzell Meetings im Stift Melk, an denen sieben Nobelpreisträger und der Dalai Lama teilgenommen haben. Seit 2008 engagiert sich Andreas Salcher mit seinem Curriculum Project für bessere Schulen.

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Mag. (FH) Gertraud Eibl, MAS

Presse & Kommunikation, Industriellenvereinigung Salzburg

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